3.4.6.1.Der Arbeitsunfall

(§§ 332 bis 337 ASVG)

1. Dienstgeberhaftungsprivileg – (§ 333 Abs 1 ASVG) – Bei Körperverletzungen aus Arbeitsunfällen haftet der Dienstgeber dem Dienstnehmer nur bei Vorsatz oder dann, wenn der Arbeitsunfall durch ein Verkehrsmittel herbeigeführt wurde, für das "aufgrund gesetzlicher Vorschriften eine erhöhte Haftpflicht besteht". Gemeint ist damit vor allem das Eisenbahn- und Kraftfahrhaftpflichtgesetz. Die Frage, ob mit "erhöhter Haftpflicht" auch die verschuldensunabhängige Haftung nach § 1014 ABGB gemeint ist, hat der OGH (19.12.2002, 8 ObA 117/02t, JBl 2003, 662 = RdW 2003/637, 720) verneint.

Vorsatz bedeutet hier "Absichtlichkeit", also daß es dem Arbeitgeber gerade auf die Körperverletzung angekommen sein muß. Der vorsätzliche Verstoß gegen Arbeitnehmerschutzvorschriften erfüllt diese Voraussetzung nicht: OGH 29.01.2014, 9 ObA 4/14z, EvBl 2014/78, 553 (Sicherheitsseil).

2. Auch der "beim Betrieb des KFZ Tätige" kann Ansprüche aus Gefährdungshaftung gegen den KFZ-Haftpflichtversicherer geltend machen. Freilich muß er sich ein allfälliges Mitverschulden anrechnen lassen: OGH 16.03.2006, 2 Ob 109/04z, EvBl 2006/128 = JBl 2006, 593 (LKW-Fahrer).

Literatur dazu: Faber, JBl 2003, 669; Helmich, Arbeitsunfälle mit Kraftfahrzeugen, ecolex 2003, 901; Apathy, Risikohaftung des Arbeitgebers für Personenschäden, JBl 2004, 746; Langer, Das Ende des Haftungsprivilegs der Beauftragten für Arbeitssicherheit? DRdA 2005, 244.

3. Aufseher im Betrieb: Das Fehlverhalten eines "Aufsehers im Betrieb" ist nur dann privilegiert, wenn der Aufseher auch genau in dieser Funktion tätig war und den Schaden herbeigeführt hat: OGH 29.06.2009, 9 ObA 141/08p, ARD 6008/8/2009 = DRdA 2011/22, 263 (Sicherheitsvertrauensperson). Auch ein Lehrling kann "Aufseher im Betrieb" sein: OGH 23.03.2010, 8 ObA 3/10i, ARD 6097/8/2010.

4. Das Haftungsprivileg des Dienstgebers gilt auch gegenüber seinem Schwarzarbeiter, weil auch nicht angemeldete Dienstnehmer durch die gesetzliche Unfallversicherung geschützt sind: OGH 10.04.2008, 9 ObA 172/07w, ecolex 2008/320, 848; auch gegenüber einem Scheinselbständigen OGH 25.10.2012, 2 Ob 214/11a, wbl 2013/100, 280 (kein Rechtsmißbrauch);. auch gegenüber Ansprüchen eines Dienstnehmers, der einem Kollegen haften mußte, aus dem Dienstnehmer-Haftpflichtgesetz (§ 3 DHG): OGH 05.06.2008, 9 ObA 56/07m, EvBl 2008/170, 896.

5. Zum Haftpflichtprivileg des Schulerhalters (§ 335 Abs.3 ASVG) siehe OGH 19.10.2006, 2 Ob 75/06b, EvBl 2007/36, 200.

6. Kein Haftpflichtprivileg des Generalunternehmers gegenüber Mitarbeitern des Subunternehmers: OGH 25.04.2007, 3 Ob 44/07b, DRdA 2008/50, 521.

7. Regreß der Sozialversicherung – (§ 334 ASVG) – Grob fahrlässige Schädigung durch den Arbeitgeber: OGH 04.03.2013, 8 ObA 7/13g, ARD 6317/4/2013 (Arbeitnehmerschutz mißachtet); durch den "Aufseher im Betrieb": OGH 03.09.2010, 9 ObA 50/10h, ecolex 2011/109, 259 (Rollgerüst).

8. Einzelfälle zu §§ 332 und 333 ASVG: Unfall mit LKW-Ladekran: OGH 29.01.2009, 2 Ob 214/08x, ZVR 2009/203, 361; fehlerhafte LKW-Bordwand: OGH 17.12.2008, 2 Ob 204/08a, ZVR 2009/204, 363; Beim Entladen des LKW Hebegurt gerissen: OGH 28.06.2011, 9 ObA 52/11d, ARD 6205/3/2012; Dienstgeberhaftpflichtprivileg des Baustellenkoordinators: OGH 25.08.2014, 8 ObA 54/14w, SWK 2014, 1309 = ZRB 2015, 30.

9. Auskunftspflichten des Dienstgebers gegenüber seinem Dienstnehmer nach Arbeitsunfall - aus der Fürsorgepflicht abgeleitet: OGH 30.07.2009, 8 ObA 4/09k, ARD 5999/5/2009 = ecolex 2009/424, 1080 = EvBl 2010/1, 26 = ZAS-Judikatur 2010/7, 23. Siehe dazu auch Kernbichler, ÖJZ 2010/6, 43.

Literatur dazu: Gerhartl, Auskunftspflicht des Arbeitgebers nach Arbeitsunfall, RdW 2009/829, 855; Neumayr, Rechtsfragen an der Schnittstelle von Sozialversicherungs- und Schadenersatzrecht, RZ 2010, 161 (kompakte Zusammenfassung des gesamten Themas).

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