1.11.3.4.Haftung des Sachverständigen

Der Sachverständige haftet schon dann für leichte Fahrlässigkeit, wenn er nicht aus reiner Gefälligkeit (also: nicht selbstlos) gehandelt hat: OGH 30.06.2010, 9 Ob 49/09k, Zak 2010/649, 378 = RdW 2010/719, 718 = ecolex 2010/387, 1049 (Auskunft eines Hausverwalters); OGH 31.08.2010, 4 Ob 137/10s, EvBl 2011/11, 73 = ecolex 2011/120, 307 (Risikoloser Mietkauf).

Darf nicht überspannt werden: OGH 23.02.2016, 6 Ob 16/16w, Zak 2016/406, 217 (Reparaturwerkstätte). Zu den Anforderungen an die pflichtgemäße Gutachtertätigkeit eines Gerichtssachverständigen: OGH 30.10.2008, 2 Ob 180/08x, ecolex 2009/111, 317; OGH 08.05.2013, 6 Ob 51/13p, bauaktuell 2013/9, 146 (Zivilprozeß). Hat der Sachverständige sein Gutachten nach den aktuellen Regeln der Wissenschaft erarbeitet, so haftet er auch dann nicht, wenn das Ergebnis in der Folge nicht standhält: OGH 30.07.2015, 10 Ob 50/15y, RdM 2016/36, 22 (Bleivergiftung). Der Sachverständige haftet, wenn er in seinem Gutachten unsichere Schlußfolgerungen als gewiß hinstellt und sich diese später als falsch erweisen: OGH 25.11.2008, 9 Ob 43/08a, ecolex 2009/146, 406 = ZVR 2009/174, 340 (Sicherheitsgurt angelegt?).

Selbst für ein schuldhaft unrichtiges Privatgutachten haftet der Sachverständige für Vermögensschäden Dritter nur, wenn ihn entweder - zumindest bedingter - Vorsatz trifft oder wenn das Gutachten erkennbar im Interesse des Dritten erstellt wurde: OGH 10.07.2008, 8 Ob 51/08w, RdW 2008/719, 776 = EvBl 2009/3, 28 = JBl 2009, 174 = RZ 2009/14, 116; OGH 07.09.2011, 7 Ob 77/11s, immolex 2012/30, 90 (Bodengutachten); OGH 24.11.2011, 1 Ob 203/11a, Zak 2012/149, 77 (auch zur Verjährung).

Haftung des Fachkundigen, dem sich der unerfahrene Verletzte anvertraut hat: OGH 13.09.2012, 6 Ob 91/12v, EvBl 2013/23, 171 (Klettersport).

In der Regel kein Mitverschulden der geschädigten Partei, die im Prozeß nicht ausreichend deutlich auf die Unrichtigkeit des Gutachtens hinweist: OGH 28.04.2016, 1 Ob 17/16f.

... in Strafsachen [kann] der Verurteilte, solange das Verfahren noch anhängig oder ein verurteilendes Strafurteil aufrecht ist, vom Sachverständigen, auf dessen Gutachten sich das Urteil stützt, nicht Schadenersatz wegen unrichtiger Begutachtung begehren. Die Ausgestaltung des strafrechtlichen Rechtsschutzsystems schließt es aus, während des anhängigen Verfahrens eine Überprüfung der Ergebnisse des Strafverfahrens im Zivilverfahren herbeizuführen. Schon die Möglichkeit, derartige Klagen als Druckmittel zu missbrauchen, zwingt hier zu einer zurückhaltenden Beurteilung. Dabei geht es nicht nur um den Schutz der Person des Sachverständigen, sondern auch der Funktionsfähigkeit der Justiz insgesamt.: OGH 30.10.2014, 8 Ob 36/14y. Dasselbe gilt auch für Zivilprozesse. Schadenersatzansprüche gegen Gerichtsgutachter können erst ab Rechtskraft des Verfahrens gelten gemacht werden: OGH 9 Ob 38/11w, Zak 2011/628, 337; OGH 6 Ob 83/14w, Zak 2014/506, 275; OGH 23.11.2016, 3 Ob 170/16w, Zak 2017/60, 39.

7. Einzelfälle: Haftung des Gerichtssachverständigen für unrichtiges Gutachten im Obsorgeverfahren: OGH 27.07.2011, 9 Ob 38/11w, Zak 2011/628, 337 = EF-Z 2011/130, 218; gegenüber dem Ersteher wegen Überbewertung des Versteigerungsobjektes: OGH 29.05.2012, 9 Ob 56/11t, JBl 2012, 520 = bbl 2012/197, 226 (unrichtiger Verkehrswert); Haftung des Gerichtsgutachters im Strafverfahren: OGH 09.07.2014, 2 Ob 106/14y, Zak 2014/640, 338 (Verjährung).

Literatur: Siegwart/Höhne, Die Haftung des Privatgutachters nach § 1330 ABGB, ecolex 2009, 859; Machold, Zur Haftung eines Sachverständigen nach § 1300 S 1 ABGB, Zak 2010/636, 371.

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