1.10.3.3.Luft und Licht von Nachbars Grundstück

Das Zivilrechts-Änderungsgesetz 2004 (BGBl I 91/2003) mit Wirkung ab 1.7.2004 nimmt sich dieses Problemes an: Unzumutbarer Entzug von Licht oder Luft durch Pflanzen des Nachbarn kann untersagt werden: Neufassung des § 364 ABGB. Darunter fällt auch der Entzug von indirektem Sonnenlicht: OGH 28.09.2009, 2 Ob 97/09t, Zak 2010/44, 36 = immolex 2010/74, 213. Die Unzumutbarkeit prüft der OGH streng: OGH 31.01.2007, 8 Ob 99/06a, EvBl 2007/83, 460 = wobl 2007/73, 176 = JBl 2007, 712; OGH 14.08.2007, 1 Ob 62/07k, JBl 2008, 319; OGH 11.12.2007, 4 Ob 196/07p, JBl 2008, 315 = ecolex 2008/142, 418 = wobl 2008/97, 278; OGH 21.06.2011, 4 Ob 77/11v, Zak 2011/546, 294; OGH 16.06.2011, 6 Ob 75/11i, Zak 2011/547, 295 = bbl 2011, 199/285 (keine Verjährung).

Vor Klagseinbringung sind bestimmte außergerichtliche Streitbeilegungsrituale zu absolvieren, sonst wird die Klage zurückgewiesen (Artikel III des Zivilrechts-Änderungsgesetzes 2004, BGBl I 91/2003). Drei Monate nach Einlangen seines Antrages bei der Schlichtungsstelle darf der Beeinträchtigte die Klage bei Gericht einbringen; auch dann, wenn der beklagte Nachbar vom Antrag noch gar nichts erfahren hat: OGH 11.12.2007, 4 Ob 196/07p, JBl 2008, 315 = ecolex 2008/142, 418 = wobl 2008/97, 278. Skurril: Kein Schlichtungsstellenverfahren erforderlich bei Immissionen durch Topfpflanzen: OGH 24.02.2015, 10 Ob 58/14y, RZ 2015/19, 189.

Das bisher schon geltende Recht, über die Grenze reichende Äste oder Wurzeln abzuschneiden ("Selbsthilfe") oder zu benutzen, wurde politisch korrekt soweit eingeschränkt, als der Beeinträchtige sein Recht möglichst umweltschonend gebrauchen muß: Neufassung des § 422 ABGB.

Ein längeres Hinnehmen des Zustandes kann das Klagerecht beeinträchtigen: OGH 02.07.2009, 6 Ob 160/08k, immolex 2010/40, 125 (Interessenabwägung). Das gilt freilich dann nicht, wenn die störenden Pflanzen schon vor der Gesetzesänderung gesetzt wurden: OGH 09.10.2007, 10 Ob 60/06f, EvBl 2008/29, 153 = wobl 2008/31, 83 = JBl 2008, 312.

Zur heiklen Frage, wie das Urteilsbegehren zu formulieren ist: OGH 11.07.2006, 1 Ob 130/06h, EvBl 2006/177 = JBl 2007, 99 = ecolex 2007/38, 98 = RdW 2007/158, 153 (eher großzügig); OGH 11.12.2007, 4 Ob 196/07p, JBl 2008, 315 = ecolex 2008/142, 418 = wobl 2008/97, 278.

Einzelfälle: Bereits bestehender Wald ist ortsüblich: OGH 24.03.2009, 4 Ob 13/09d, ecolex 2009/289, 754 = wobl 2010/57, 110 (ausführlich zum Begriff ortsüblich); Lichtentzug durch außergewöhnlich dichten Baumbewuchs: OGH 26.02.2016, 8 Ob 59/15g, wobl 2017/7, 19; an der Grundstücksgrenze eine eng gepflanzte Fichtenhecke mit einer immensen Höhe von 12 bis 15 Metern, für die örtlichen Verhältnisse völlig untypisch: OGH 27.02.2018, 9 Ob 84/17v.

  • Mehr Licht!, ecolex 2003, 894
  • Nachbarrechtlicher Schutz vor Entzug von Licht oder Luft, wobl 2004, 47
  • Neuerungen im Nachbarrecht, JBl 2004, 86
  • Der Baum am Nachbargrund, ÖJZ 2004, 706
  • Nachbarrecht im Spannungsfeld zwischen liberalisiertem öffentlichen Baurecht und verschärftem Zivilrecht, ÖJZ 2004, 821
  • Vier Jahre Recht auf Licht und nach wie vor viel Schatten, JBl 2008, 334
  • Beschattungsverbot und Überhangsrecht, JBl 2009, 144 (Wechselwirkungen zwischen § 364 Abs.3 und § 422 ABGB)
  • (K)ein Recht auf Licht - Negative Immissionen durch Pflanzen in der Rechtsprechung des OGH, ÖJZ 2009/31, 293
  • Es gibt ein Recht auf Licht!, wobl 2010, 93

Webtipp: Der Wiener Bauanalytiker Dr. Rudolf Ortmayr hat das faszinierende System Sunprognosis entwickelt, mit dessen Hilfe exakt errechnet und prognostiziert werden kann, wieviele Sonnenstunden im Jahreslauf ein bestimmter Ort dadurch einbüßt, daß etwa ein Bauwerk errichtet oder ein Baum gepflanzt wird, oder dadurch gewinnt, daß Schattenwerfer entfernt werden. Mit dieser Methode läßt sich eindrucksvoll belegen, daß oft schon kleine gezielte Planänderungen an Gebäuden für den Nachbarn ein Plus von vielen Sonnenstunden bringen und somit Entscheidendes für ein friedliches Miteinander beitragen können.

2. Zuviel davon: Immissionen von Licht können durch Unterlassungsklage abgewehrt werden. Die Angabe einer konkreten Maßzahl im Klagebegehren ist nicht notwendig. Es genügt, die Unterlassung solcher Lichteinwirkungen zu begehren, die die Lebensqualität normal empfindlicher Menschen beeinträchtigen: OGH 27.05.2003, 1 Ob 96/03d, ecolex 2003/299, 749 = EvBl 2003/176.

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